„Farbe bekennen und die Stimme nicht verbieten lassen“

25 Jahre Multikulturelles Zentrum

 

Am 12.10.2018 feierte das Multikulturelle Zentrum Dessau e.V. im BaRede: Herr Minheluhaus Dessau sein 25-jähriges Bestehen. Unter den über 150 Gästen waren neben Staatssekretärin Susi Möbbeck, den Landtagsabgeordneten Holger Hövelmann und Tobias Krull und Bürgermeister Jens Krause auch Vertreter*innen der Stadt Dessau-Roßlau sowie von lokalen Migrant*innenorganisationen und religiösen Gemeinden. Wir dokumentieren an dieser Stelle Auszüge aus der Rede des Geschäftsführers des Multikulturellen Zentrums, Razak Minhel:

 

„Es war im Jahr 1993, als wir uns zur Vereinsgründung zusammenschlossen, mit dem Ziel, eine Begegnungsstätte für MigrantInnen und Nicht-MigrantInnen zu schaffen. Insbesondere das Feld der Kultur sollte dabei im Mittelpunkt stehen, auf diesem Feld wollten wir kleine Treffpunkte und Brücken bauen.

 

Die erste Ausstellung in der Georgenkirche, die zugleich die Auftaktveranstaltung des Multikulturellen Zentrums darstellte, war die Ausstellung Räder. Zu sehen  waren  Fahrräder in unterschiedlichen Größen und unterschiedlicher Farbgebung, deren Räder sich bewegten. So kam nicht nur auf der Symbolebene etwas ins Rollen, denn jedes Rad – ob groß oder klein – bewegte sich in seiner eigenen Geschwindigkeit voran, so wie es auch der Verein tat.

 

Ist es ein Zufall, dass wir heute im Bauhaus Dessau das 25-jährige Jubiläum feiern? Schon die zweite Veranstaltung unseres Zentrums mit dem Titel „Breakdance, Rap und gute Worte“  fand damals in Kooperation mit dem Bauhaus Dessau statt. Dazu schrieb die Presse: ''Das Dessauer Multikulturelle Zentrum veranstaltete im Bauhaus zwei Nächte gegen Gewalt und Rassismus. Breakdancer aus Chile, Bosnien und dem Kosovo waren vertreten."

 

Es war uns ein Anliegen, bewusst zu machen, dass Menschen immer noch aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer Religion oder ihres Geschlechts diskriminiert werden. Und diese Realität gerade auch denjenigen bewusst zu machen, die Diskriminierungen nicht am eigenen Leib erfahren. Die Gründung des Vereins kurz nach der Wende war somit ein wichtiges und zugleich herausforderndes Projekt. Es war das Jahr nach Anschlägen und Pogromen, die wir heute mit den Namen Mölln, Solingen oder Rostock-Lichtenhagen verbinden, in den drei Jahren vor der Gründung des Zentrums hatte es in Deutschland bereits 53 Todesopfer rechter Gewalt gegeben.

 

Gleich zu Beginn im Jahr 1993 wirkten wir bei der Gründung des Runden Tisches mit, an dem sich Vertreterinnen und Vertreter aus Kirche, Zivilgesellschaft und Politik zusammensetzten. Die drei essentiellen Ziele des Runden Tisches waren hierbei Lobbyarbeit für Ausländerinnen und Ausländer, die Bildung eines Ausländerbeirates und die Berufung eines Ausländerbeauftragten als Ansprechpartner. Solche Institutionen und Anlaufstellen, heute in kommunalen Strukturen fest verankert und fast ein „alter Hut“, fehlten damals – nicht nur in Dessau-Roßlau.

 

Und so drehte sich das Rad weiter, um neue Schwerpunkte und Ziele zu finden und  diese auszugestalten. Dies geschah in den letzten Jahren mit Projektarbeit vor allem in den Bereichen Inklusion und  Integration. Hauptpfeiler der Arbeit waren und sind hierbei die Unterstützung von migrantischen Selbstorganisationsstrukturen und Empowerment, Demokratiebildung, Begegnungsarbeit oder Erinnerungskultur. Und so entstanden vielfältige Projekte, unter anderem in den Bereichen Kultur, politische und historische Bildung, Frauen- und Mädchenarbeit, Intervention gegen Menschenfeindlichkeit.

 

Ich möchte nun kurz einige Aktivitäten und Projekte vorstellen, die aktuell  am Multikulturellen Zentrum angesiedelt sind. Als erstes nennen möchte ich dabei die von uns organisierten Gedenktage. Erinnerungskultur soll dem Vergessen entgegenwirken. Deswegen erinnern wir jährlich an den bis heute ungeklärten Tod Oury Jallohs in einem Dessau Polizeirevier. Und deshalb erinnern wir jedes Jahr am "Tag der Erinnerung" an die Opfer rechter Gewalt auch und gerade an die Dessauer Ermordeten Alberto Adriano und Hans-Joachim Sbrezny.

 

Opfer rechter Gewalt brauchen eine Anlaufstelle, professionelle Betreuung und Unterstützung. Die „Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalttaten“ für Anhalt, Bitterfeld und Wittenberg, Teil der bundesweiten Strukturen der Mobilen Opferberatung, ist ebenfalls ein etablierter Teil unseres Zentrums.

 

Ebenfalls ein Projekt des Multikulturellen Zentrums ist das Projekt SALAM Sachsen-Anhalt mit den Standpunkten Dessau-Roßlau, Magdeburg und Halle, eines der größten Präventionsprojekte in Sachsen-Anhalt im Bereich der Radikalisierungsprävention. Sein Auftrag ist die Arbeit gegen Islamismus und antimuslimischen Extremismus von rechts, welche beide, von zwei verschiedenen Seiten, ein friedliches Zusammenleben von NichtmuslimInnen und MuslimInnen auch in Sachsen-Anhalt bedrohen. Der Fokus der MitarbeiterInnen liegt dabei nicht nur auf der fachlichen Unterstützung von Schulen, Ämtern sowie Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe. Das Projekt unterstützt unter dem Schlagwort „Nachbarschaftsleben“ auch Begegnungsarbeit und migrantische Selbstorganisation im religiös-kulturellen Kontext.

 

Die aufgezählten Projekte würden nicht ohne unsere qualifizierten und engagierten MitarbeiterInnen in die Tat umgesetzt werden können. Zudem können wir auf die Unterstützung von ehrenamtlichen und hauptamtlichen MitarbeiterInnen zählen, die unsere Ziele und Werte teilen.

Den Kolleginnen und Kollegen in unseren Projekten, aber auch unseren Ehrenamtlichen, unseren Integrationslotsen, unseren Paten und Patinnen, unseren HelferInnen im Bundesfreiwilligendienst oder im Praktikum – ihnen allen gebührt an dieser Stelle unser Dank.

 

Ich hoffe, dass die Arbeit unseres Vereins gesehen und wertgeschätzt wird. Manche Stimmen singen das Totenlied der Integrationsarbeit, andere das der Integration oder der multikulturellen Gesellschaft. Manche stellen Repräsentations- und Förderstrukturen in Frage, andere betreiben die aktive politische Zerstörung nicht zuerst, aber auch migrantischer zivilgesellschaftlicher Strukturen. Manche kritisieren und hinterfragen Bedeutungen und Rechtsgüter, die wir uns erkämpft haben, andere stellen in Frage, ob jemand mit dem Namen Ayshe oder jemand mit dunkler Hautfarbe ein Deutscher ist.

 

Es ist unsere Aufgabe, uns und unsere Arbeit effektiver nach außen zu präsentieren und zusammen mit Zivilgesellschaft, PolitikerInnen und anderen um das zu kämpfen, was uns wichtig war und immernoch wichtig ist.

 

Meine Damen und Herren, ich habe Ihnen nur einen kurzen Überblick über unsere Arbeit geben können, das meiste aus unserer Geschichte konnte ich ebensowenig nennen, wie ich unsere aktuelle Arbeit in der Kommune oder im Land beleuchten konnte, oder  unsere Arbeit mit anderen MigrantInnenorganisationen in Dessau-Roßlau.

 

Liebe Gäste, erlauben Sie mir stattdessen noch einige persönliche Eindrücke aus 25 Jahren Vereinsarbeit mitzuteilen: 25 Jahre Vereinsarbeit, 7 Jahre Ausländerbeauftragter, 5 Jahre Stadtratsmitglied der Stadt Dessau-Roßlau. Ich bin stolz auf die geleistete Arbeit, wir haben viel für die Stadt geleistet. Leider gab es dafür nicht immer Anerkennung und Wertschätzung.

 

Ich, ein Migrant, höre jeden Morgen im Radio die Beiträge rund um die Themen Migration, Flucht und Integration. Wenn es um Migration als die „Mutter aller Probleme“ geht, geht es um uns, uns Migranten, als Problem. Es wird immer noch mehr über uns geredet, als mit uns, geschweige denn, dass wir selber reden.

 

Was ist das für eine Ironie, wenn ein Bundesminister in diesem Zusammenhang bekannt gibt, dass 69 Geflüchtete  an seinem 69. Geburtstag abgeschoben wurden und ein  Reporter korrigieren muss, es sind nur noch 68, denn der 69. hat Suizid begangen? Ist diese Ironie nicht im schlechtesten Sinne grotesk? Fast unmenschlicher, als der Reim eines früheren Ministerpräsidenten: "Kinder statt Inder." Und hier in der Stadt gibt es Stimmen, die ein Abschiebegefängnis in der ehemaligen Justizvollzugsanstalt als „Standortvorteil“ begrüßen.

 

Ich appelliere an die Entscheidungsträger in der Stadt, die Angelegenheit besonders gut zu durchdenken und neben dem Leid der betroffenen Menschen den Ruf der Stadt Dessau-Roßlau im Auge zu behalten. Mich erschüttern gewaltsame Abschiebungen, bei denen Menschen im öffentlichen Raum gefesselt und erniedrigt werden. Mich erschüttert die Inhaftierung von Menschen in Gefängniszellen, die nichts getan haben, außer am falschen Ort zu sein.

 

Immer wieder wurde in den letzten Jahren über europäische Werte gesprochen. Doch was genau sind diese Werte, wo genau sind diese Werte, wenn ein Schiff mit Menschen, Männern, Frauen und Kindern, die erschöpft und zum größten Teil schwer traumatisiert sind, ein Anlegeverbot bekommt, die Menschen wie eine ungewollte, giftige Containerladung behandelt werden? Die Realität der Doppelmoral greift unser Wertesystem an und trägt bei zum Erstarken antidemokratischer rechter Parteien und Gruppierungen.

 

Das Erstarken antidemokratischer Kräfte, das Erstarken von Rassismus und Neonazismus und das generelle zunehmen gesellschaftlicher Kälte ist gerade auch in Sachsen-Anhalt zu spüren. Und in Zeiten, in denen hunderte oder tausende organisierte Neonazis, Hooligans und Rechtspopulisten durch Städte wie Köthen marschieren, ist es nur umso unverständlicher, wenn Kolleginnen und Kollegen von anderen Trägern, etwa vom Verein Miteinander e.V., unter politischen Beschuss geraten – ausgerechnet, weil Ihre professionelle Arbeit, die seit Jahren von Bund und Land gefördert wird, auf den Phänomenbereich Rechtsextremismus gerichtet ist.

 

Meine Damen und Herren, wir alle tragen Verantwortung in der Frage, in welche Richtung sich unsere Gesellschaft fortbewegen wird.  Wir alle dürfen nicht zulassen, dass einzelne Straf- oder Gewalttaten von rechten Gruppen und Demagogen instrumentalisiert werden oder dass, wie zuletzt in Köthen, ein gewaltbereiter Mob mit seinen hasserfüllten Parolen die Straßen dominiert. Besonders jetzt müssen wir alle Farbe bekennen und uns unsere Stimme nicht verbieten lassen. Dies kann nur der Anfang sein, damit wir weiter Integration und Inklusion und eine demokratische Gesellschaft aller erfolgreich gestalten können. Damit sich unser aller Rad weiter drehen kann.“